Neue psychoaktive Stoffe (NPS) in Deutschland
In Europa sind mehr als 1.000 verschiedene NPS bekannt. Dies macht eine Abschätzung der Risiken des Konsums von NPS umso schwieriger.
Illegale Drogen
Neue psychoaktive Stoffe werden in der Regel im Labor hergestellt. Ihre Namen sind stark irreführend und verharmlosend.
Neue psychoaktive Stoffe (NPS) sind meist synthetische Stoffe, die zum Teil auch als Research Chemicals oder Designerdrogen bezeichnet werden. Sie sind in den unterschiedlichsten Formen erhältlich, zum Beispiel als Liquids, Pflanzenmaterial, Pulver, Pillen oder Trips, deren Inhaltsstoffe und Wirkstoffgehalte aufgrund mangelnder oder falscher Deklarationen jedoch oftmals unklar bleiben.
Aus Deutschland liegen wenige systematisch erhobene Daten zu NPS vor. Bevölkerungsrepräsentativ wird seit 2015 lediglich der Konsum von NPS regelmäßig erfasst; hinsichtlich Behandlung oder gesundheitlichen Schäden liegen nahezu keine Daten vor. Die Ausnahme sind Daten zu drogenbezogenen Todesfällen, wo NPS erhoben werden. So standen im Jahr 2024 insgesamt 154 Todesfälle mit dem Konsum von NPS in Zusammenhang.
Was sind NPS?
Was sind NPS?
NPS werden typischerweise im Labor künstlich (synthetisch) hergestellt. Oftmals sollen sie als vermeintlich legale Alternativen die Effekte von bekannten illegalen Drogen oder verschreibungspflichtigen Medikamenten nachahmen. Derzeit (Stand: Dezember 2025) werden über 1.000 NPS mit sehr unterschiedlichen Wirkprofilen durch die europäische Drogenbehörde (EUDA) beobachtet. Die Stoffgruppen mit den meisten bekannten Vertretern sind (halb-)synthetische Cannabinoide, die die Effekte von THC nachahmen sollen, synthetische Cathinone (Stimulanzien) und Phenethylamine (Stimulanzien / Halluzinogene). Zudem stehen synthetische Opioide im Fokus, weil ihr Konsum aufgrund ihrer oftmals hohen Potenz eine sehr hohe Gefahr für eine Überdosierung mit lebensgefährlicher Atemlähmung birgt. Auch sogenannte Designer-Benzodiazepine, die die Wirkung gebräuchlicher Benzodiazepine imitieren, jedoch in der Regel deutlich potenter sind, werden vielfach verkauft.
Da sich aufgrund der Vielzahl an neu aufgetretenen NPS die einzelstoffliche Aufnahme der Substanzen in die Anlagen des Betäubungsmittelgesetztes (BtMG) mit der Zeit als zu schwerfällig erwies, trat im Jahr 2016 das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) in Kraft. Hierdurch können ganze Stoffgruppen verboten werden, nicht nur einzelne Substanzen (wie im BtMG).
Nichtsdestotrotz erinnert die Dynamik zwischen den Herstellern neuartiger psychoaktiver Substanzen und dem Gesetzgeber nach wie vor an ein Katz-und-Maus-Spiel: Weiterhin tauchen immer wieder neue Stoffe auf dem Markt auf, die – zumindest zeitweise – weder durch das BtMG noch das NpSG abgedeckt sind, deren Konsum aber schwerwiegende gesundheitliche Auswirkungen haben kann.
Aufgrund dieser Vielzahl sowie der Kurzlebigkeit einiger NPS auf dem Markt und der Tatsache, dass oftmals im Unklaren bleibt, ob und, wenn ja, welche NPS konsumiert wurden, sind belastbare Studien zu den Risiken und (Langzeit-)Effekten des Konsums rar.
Verbreitung
Wie viele Personen konsumieren in Deutschland neue psychoaktive Stoffe (NPS)?
In bevölkerungsrepräsentativen Studien werden Daten zum Konsum von NPS in Deutschland seit dem Jahr 2015 erhoben. Laut aktuellen Erhebungen konsumieren 0,8 % der 18- bis 64-jährigen Erwachsenen sowie 0,3 % der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen innerhalb von 12 Monaten NPS.
Neben den deutschlandweit repräsentativ erhobenen Studien setzen sich sowohl Europa (Early Warning System) als auch Deutschland (National Early Warning System) in Frühwarnsystemen zum Ziel, neue gesundheitsrelevante Entwicklungen insbesondere auch im Bereich der NPS frühzeitig zu erkennen sowie über diese zu informieren und zu warnen.
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Datenquellen
Epidemiologischer Suchtsurvey
Epidemiologischer Suchtsurvey
Wie viele erwachsene Personen in Deutschland konsumieren illegale Drogen? Dieser Frage gehen die Erhebungen des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) nach. Dabei werden Erwachsene unter anderem gefragt, ob sie in den vergangenen 12 Monaten bei mindestens einer Gelegenheit „Legal Highs“, „Research Chemicals“, „Badesalze“, „Kräutermischungen“ oder „neue psychoaktive Substanzen (NPS)“ konsumiert haben.
Der ESA ist eine seit 1980 regelmäßig durchgeführte bevölkerungsrepräsentative Studie zur Erfassung des Konsums psychoaktiver Substanzen und substanzbezogener Belastung in der erwachsenen Wohnbevölkerung in Deutschland. Seit 1997 finden die Erhebungen alle drei Jahre statt. Die letzte Befragung erfolgte im Jahr 2024.
Die Daten werden mithilfe eines selbstauszufüllenden Fragebogens erfasst. Neben einer schriftlichen Beantwortung kann der Fragebogen seit 2006 zusätzlich mithilfe telefonischer Interviews sowie seit 2009 auch online beantwortet werden. Es handelt sich um Fragen zum Konsum von Tabak, Alkohol, illegalen Drogen und Medikamenten der Befragten. Neben der Einschätzung des aktuellen Substanzkonsums können durch die Berücksichtigung zeitlicher Trends gesundheitspolitisch problematische Entwicklungen erkannt werden.
Zielpersonen des ESA sind deutschsprachige, in Privathaushalten lebende Personen, die zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen 18 und 64 Jahren alt sind. Die Ziehung der Personenstichprobe erfolgt auf Basis der Einwohnermelderegister in einem Zufallsverfahren. Die angestrebte Stichprobengröße für Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren umfasst 8.000 Personen. Seit der Erhebung im Jahr 2024 werden darüber hinaus Personen im Alter von 65 bis 85 Jahren befragt.
Die hier dargestellten Daten sind dem aktuellen Kurzbericht (Tabelle 8) entnommen.
Drogenaffinitätsstudie
Drogenaffinitätsstudie
Der Konsum illegaler Substanzen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird in der Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit (BIÖG) erhoben. Die Zielstichprobe sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 25 Jahren. Die Stichprobengrößen variierten in der Vergangenheit etwas. Seit 2015 beträgt sie aber etwa 7.000 Personen.
Die Daten für Jugendliche (nicht in der Abbildung dargestellt) finden sich im aktuellen Bericht (Tabelle 9).
Die Drogenaffinitätsstudie wird seit 1973 alle drei bis vier Jahre erhoben und seit 2001 mittels computergestützter Telefoninterviews durchgeführt. Sie umfasst Fragen zu Konsum, Motiven und Einstellungen zu Alkohol, Tabak und illegalen Drogen.
Ergebnisse
12-Monats-Konsum
12-Monats-Konsum
0,8 %
Im Jahr 2024 konsumierten 0,8 % der Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren mindestens bei einer Gelegenheit in den letzten 12 Monaten NPS. Nach einem Anstieg (auf niedrigem Niveau) zwischen 2018 und 2021 ging der Konsum im Jahr 2024 wieder leicht zurück.
0,3 %
Unter 12- bis 17-jährigen Jugendlichen spielt der Konsum von NPS eine untergeordnete Rolle. 2023 gaben 0,3 % den Konsum von NPS in den letzten 12 Monaten an (nicht in der Abbildung dargestellt).
0,4 %P
Männer (1,0 %) konsumierten im Jahr 2024 häufiger NPS als Frauen (0,6 %). Der Unterschied beträgt somit 0,4 Prozentpunkte. Bei Jugendlichen liegt 2023 der Anteil der männlichen 0,2 Prozentpunkte höher (nicht in der Abbildung dargestellt).
Behandlung
Inanspruchnahme der Versorgungssysteme
Hierzu liegen aktuell keine Daten vor. Hintergrund ist, dass die Krankenhausstatistik und die Deutsche Suchthilfestatistik aktuell auf Diagnosen basieren, die anhand des Klassifikationssystems ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) verschlüsselt werden. In dieser Version des ICD bestehen noch keine Diagnose-Codes für NPS, so dass auch keine Aussagen hierzu getroffen werden können.
Die neue Version des ICD (ICD-11) enthält Diagnoseschlüssel für synthetische Cannabinoide sowie synthetische Cathinone, so dass diese berichtet werden können, sobald eine Umstellung auf ICD-11 erfolgt ist.
Folgeschäden
Zu welchen gesundheitlichen Folgeschäden kann der Konsum von NPS führen?
Aussagen zu gesundheitlichen Auswirkungen des Konsums von NPS sind sehr schwierig, da einerseits unterschiedliche Substanzklassen mit unterschiedlichsten Wirkmechanismen hierunter gefasst werden und ständig neue Substanzen entwickelt werden, zu denen es kaum wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gibt. Daher sind die Risiken zwar existent und ergeben sich primär aus den (nicht notwendigerweise bekannten) pharmakologischen Effekten der jeweiligen Substanz. Dies unterstreichen auch Fallberichte zu Vergiftungen mit Einzelsubstanzen und die Drogentodesstatistik. Der Mangel an Daten stellt jedoch einen erheblichen Risikofaktor für Konsumierende dar. Aktuell liegt beispielsweise keine deutschlandweite bevölkerungsrepräsentative Studien zu Abhängigkeit oder Missbrauch von NPS vor.
Im Rahmen der Statistik zu drogenbezogenen Todesfällen des BKA werden synthetische Cannabinoide, synthetische Opioide, Ketamin sowie "Sonstige NPS" separat erfasst. Im Jahr 2024 verstarben laut Bundeskriminalamt (BKA) 2.137 Personen in Deutschland im Zusammenhang mit dem Konsum illegaler Substanzen. Der Missbrauch von synthetischen Cannabinoiden, synthetischen Opioiden, Ketamin oder sonstigen NPS spielte dabei in 154 Todesfällen (7 %) eine Rolle. Im Vergleich zum Vorjahr (90 Todesfälle) ist das eine Steigerung von 71 %. Üblicherweise ist an den Todesfällen allerdings mehr als eine Substanz beteiligt; nur in sechs der 154 Fälle (4 %) wurde ausschließlich ein NPS festgestellt.
Markt
Wie groß ist der Schwarzmarkt für NPS in Europa?
Daten zum Schwarzmarktgeschehen für NPS liegen weder auf europäischer Ebene noch für Deutschland vor. Daten hinsichtlich der Verstöße gegen das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) können gewisse Einblicke in die Bedeutung von NPS liefern. So berichtet das BKA im aktuellen Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität, dass im Jahr 2024 insgesamt 758 Verstöße gegen das NpSG festgestellt werden konnten. Hinzu kommen 927 Handelsdelikte mit NPS.
Im Jahr 2023 wurde zudem laut BKA erstmalig ein NPS-Herstellungslabor für synthetische Cannabinoide in Deutschland sichergestellt, im Jahr 2024 insgesamt drei Labore zur Herstellung von synthetischen Cathinonen.
Hauptherkunftsstaat der Reinstoffe für die Herstellung von NPS-Fertigprodukten sind laut Erkenntnissen des BKA China und Indien, von wo die Wirkstoffe auf dem Postweg nach Europa geliefert werden. In europäischen Produktionsstätten (u. a. Niederlande, Belgien, Polen, Spanien, aber auch Deutschland), "werden diese weiterverarbeitet, konsumfertig abgepackt und in erster Linie über Onlineshops im Internet und den Postversand vertrieben".
"Neue psychoaktive Stoffe sind ein Blindflug: Oft ist unklar, welche Substanz enthalten ist, in welcher Dosierung und mit welchen Wirkungen. Das macht sie besonders gefährlich und erhöht das Risiko schwerer, teils lebensbedrohlicher Vergiftungen. Deshalb brauchen wir eine offene und ehrliche Aufklärung sowie gezielte Prävention dort, wo Konsum tatsächlich stattfindet. Entscheidend ist, klar zu benennen, warum diese Substanzen so riskant sind. Instrumente wie Drug Checking können dabei helfen, gefährliche Stoffe früh zu erkennen und Schäden zu vermeiden – sie sind kein Freibrief, aber ein Baustein im Gesundheitsschutz."
Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen